Karl Bürger
Die Eisenbahn in Walpertskirchen
–
bewegte Geschichte und umwälzende Zukunft
Das Erdinger
Vermächtnis
Als die Bahnlinie München – Mühldorf
– Simbach (Inn) nach dreijähriger Bauzeit am 1. Mai 1871 eröffnet wurde, gingen
mit ihr die nur drei Kilometer auseinander liegenden Stationen Hörlkofen und Walpertskirchen in
Betrieb. Das erscheint angesichts dieser geringen Distanz kurios, zumal nur
eine davon geplant war. Nachdem der Trassenverlauf feststand, hatte die General=Direction der Königlich Bayerischen Verkehrs=Anstalten 1867 lediglich die Errichtung der
Stationen Schwaben (Markt Schwaben) und Dorfen
festgelegt, nicht jedoch die Lage einer Zwischenstation mit
Ausweichmöglichkeit. Eine solche war jedoch aus betrieblichen Gründen
notwendig, da ohne Ausweichstelle ein Güterzug mit der damals üblichen
Fahrgeschwindigkeit den 26 km langen Streckenabschnitt mehr als eine Stunde
belegt hätte. Zweckmäßigerweise musste daher die Zwischenstation auf halber
Strecke angelegt werden. Die Generaldirektion ließ hierzu die Alternativen Hörlkofen und Walpertskirchen
prüfen.
Mit Vehemenz versuchte nun die (Kreis-)Stadt Erding,
um einen für sie günstigen Zugang zur Bahnstrecke zu erhalten, die Einrichtung
der Zwischenstation in Hörlkofen zu erreichen.
Zweifellos erschien Hörlkofen, am Kreuzungspunkt der
Bahn mit der Districtsstraße Erding - Ebersberg gelegen, wesentlich vorteilhafter als Walpertskirchen, das nur über einen schlechten Feldweg
erreichbar war. Zudem befuhren die Districtsstraße
drei Postlinien, und es bot sich an, diese in Hörlkofen
an den Zugverkehr anzubinden.
Die
Entscheidung über die Lage der Ausweichstelle fiel dennoch zu Gunsten von Walpertskirchen, obwohl dies mit höheren Baukosten
verbunden war, musste doch der als Station II. Classe
klassifizierte Bahnhof auf einem Damm angelegt werden. Ausschlaggebend war die
nahezu mittige Lage zwischen den Stationen Schwaben und Dorfen
und die von Mühldorf aus stetig ansteigende Trassierung der Strecke, die den
damaligen Lokomotiven (C II, C III, B VI) und ihren Heizern vor Zügen nach
München enorme Anstrengungen abverlangte. Durch die Anlage der Zwischenstation
nahe dem Pfarrdorf Walpertskirchen ließ sich die Steigungsstrecke ab Dorfen auf 15 km begrenzen. So erhielt Walpertskirchen
ganz ohne eigenes Zutun einen Bahnhof mit einstöckigem Betriebshauptgebäude,
Ausweich- und Ladegleis mit Rampe und Güterhalle, und konnte sich glücklich
schätzen, mit der modernsten und vorteilhaftesten
Verkehrsinfrastruktureinrichtung ausgestattet zu werden, die die damalige Zeit
bieten konnte.

Mehr als 80 Jahre lag der
Bahnhof Walpertskirchen außerhalb des Ortes.
Dieser Ausschnitt aus einer Flurkarte im Maßstab 1 :
5.000 zeigt die bis Anfang der 1950er Jahre bestehende Situation.
Quelle: Sammlung des Verfassers

So präsentierte sich der
Bahnhof Walpertskirchen im Jahre 1898.
Foto: Joseph Eixenberger, Sammlung des Verfassers
Durch ihre beharrlichen Interventionen erreichte die Stadt Erding, dass die Generaldirektion kurz vor der
Streckeneröffnung entschied, auch in Hörlkofen eine
Bahnstation – zunächst nur als Personenhaltestelle und als Provisorium
– einzurichten. Ihr war sowohl hinsichtlich des Reiseverkehrs als auch
der Postbeförderung die Aufgabe zugedacht, die Züge mit den Postlinien zu
verknüpfen, weshalb die Bahnstation vereinigt mit einer Postexpedition
in Betrieb ging. Von Anfang an zog diese Haltestelle den stark anwachsenden
Verkehr auf sich, was ab 1875 mehrere Erweiterungen der Hörlkofener
Bahnanlagen und die organisatorische Aufstufung der Bahndienststelle zu einer Station
II. Classe mit Postdienst erforderte.
Insbesondere das enorm ansteigende Güteraufkommen veranlassten die Königlich
Bayerischen Staatseisenbahnen (Kgl.Bay.Sts.B.) zu
mehreren Ausbaumaßnahmen, die 1893 mit der Erweiterung des viel zu kleinen
Haltestellengebäudes zu einem vollwertigen, zweistöckigen Betriebshauptgebäude
und dem Bau eines Güterschuppens zum Abschluss kamen.

Das Betriebshauptgebäude
des Bahnhofs Hörlkofen entstand aus dem 1871
errichteten, einstöckigen Haltestellengebäude, das ebenerdig drei Doppeltüren
(links) aufwies. Das östlich angebaute Stellwerkshäuschen hat noch seine
ursprüngliche Form. Aufnahme 20. Dezember 1981. Foto: Karl Bürger
Walpertskirchen als „Station II. Classe“
der Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen
Die Station Walpertskirchen
ging mit der Streckeneröffnung unter der Leitung von Expeditor Josef Gall in Betrieb. Für die Fahrt
nach München C.B. (= Centralbahnhof,
damalige Bezeichnung des Hauptbahnhofs) galten folgende Tarifbestimmungen: Für
das Billet III. Classe
waren 48 Kreuzer zu entrichten, womit
dieser Fahrpreis dem damaligen durchschnittlichen Tageslohn eines Maurers
entsprach. Die gleiche Fahrt in der II. Classe kostete 1 Gulden und 12 Kreuzer, in der
exklusiven I. Classe
1 Gulden und 48 Kreuzer. Das Verkehrsaufkommen bewegte sich in bescheidenem
Rahmen, nicht zuletzt deshalb, weil die Haltestelle Hörlkofen
erheblichen Verkehr auf sich zog.
1876 kamen in der Station Walpertskirchen 1.107,84 t Güter zum Versand, im Empfang
wurden nur 113,33 t gezählt. Für das Betriebsjahr 1880 wurden nur noch 535,14 t
im Versand, dagegen 231,53 t im Empfang ermittelt. Im Personenverkehr verkaufte
die Walpertskirchener Expedition im gleichen Jahr
5.413 Billete III. Classe,
148 Billete II. Classe,
ein einziges Billet I. Classe sowie 86 Militär-Billete
und vereinnahmte dafür insgesamt 7.612,43 Mark.
Nachdem die benachbarte Haltestelle Hörlkofen auch für den Güterverkehr zugelassen worden war,
konnte sie wiederum erhebliche Verkehrszuwächse verbuchen. 1884 umfasste ihr
Güterumschlag 3.788,11 t, davon 3.274,83 t im Versand, wogegen es die Station Walpertskirchen nur auf bescheidene 442,7 t im Versand und
169,13 t im Empfang brachte. Allerdings verkaufte sie in diesem Betriebsjahr
immerhin 6.432 Personenbillete, in Hörlkofen wurden 4.941 Stück gezählt.
1887 wurde auf Veranlassung der
nunmehrigen General-Direktion der
Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen (Kgl.Bay.Sts.B.) sechs Kilometer östlich der Station Walpertskirchen die Haltestelle Thann-Lengdorf eingerichtet. Sie
diente neben dem Personenverkehr in beschränktem Maße auch dem Tierversand und
bewirkte wiederum eine erhebliche Verkehrsverlagerung. Schon im Betriebsjahr
1888 verkaufte die Haltestelle Thann-Lengdorf rund
1.800 Fahrkarten mehr als die Station Walpertskirchen,
und im Betriebsjahr 1893 konnten im Fahrkartenverkauf 11.248 Stück bilanziert
werden, womit der Absatz der Station Walpertskirchen
um 3.955 Stück übertroffen wurde.

Die Haltestelle Thann-Lengdorf war aus einem Schrankenposten
hervorgegangen.
Aufnahme 1898. Foto: Joseph Eixenberger, Sammlung des
Verfassers
|
|
|
Verkaufte |
Güter- |
Güter- |
Versand von Tieren |
Einnahmen aus |
||||
|
Jahr |
Station |
Fahrkarten |
versand t |
emfang t |
Pferde |
Rind-vieh |
Schafe |
Schwei-ne |
Personen- u. Gepäck-verkehr Mark |
Güter- u. Vieh-verkehr Mark |
|
1896 |
Walpertskirchen Thann-Lengdorf Hörlkofen |
7.795 ½ 12.149 ½ 7.322 |
2.690,56 --- 18.956,05 |
1.498,73 --- 1.706,06 |
75 --- 5 |
257 1.081 613 |
20 95 47 |
616 402 411 |
11.261,00 15.752,35 9.434,80 |
4.309,92 1.095,20 19.250,58 |
|
1897 |
Walpertskirchen Thann-Lengdorf Hörlkofen |
7.528 ½ 12.197 ½ 7.027 |
2.833,94 --- 15.470,31 |
567,83 --- 2.021,89 |
54 --- 6 |
366 1.025 572 |
17 184 44 |
365 196 249 |
10.846,95 15.506,10 9.122,10 |
5.505,67 903.80 20.004,59 |
Wie die Tabelle zeigt,
entwickelte sich das Fahrgastaufkommen der Haltestelle Thann-Lengdorf
sehr kräftig und übertraf dasjenige der Stationen Hörlkofen
und Walpertskirchen erheblich. Im Güterverkehr sowie
im Versand von Rindvieh dominierte die Station Hörlkofen,
lediglich der Versand von Pferden war in Walpertskirchen
bedeutender.
*) Halbpreisfahrkarten wurden als
halbe Stücke gezählt.
Im Rahmen der Centralisirung ließen die Kgl.Bay.Sts.B. die Bahnhöfe mit Stellwerksanlagen
ausrüsten, um die Sicherheit und Wirtschaftlichkeit des Bahnbetriebs zu
erhöhen. In der Station Walpertskirchen ging das
damals übliche, von Krauss & Comp. gebaute Stellwerk am 26.
Februar 1900 in Betrieb. Es wurde unter einer hölzernen, nach Süden offenen Überdachung
untergebracht, die hierzu östlich des Betriebshauptgebäudes errichtet worden
war. Ein baugleiches dieser in Bayern weit verbreiteten, sehr robusten
Kurbelstellwerke der Bauart Krauss erhielt die Nachbarstation Hörlkofen, das nahezu unverändert noch heute zuverlässig
seinen Dienst erfüllt.
Die
beharrlichen Inititativen des Marktes Haag in Oberbayern, denen sich 1891 auch
der Markt Isen
anschloss, waren endlich erfolgreich, als 1896 der Bau einer Stichbahn zum Anschluss
der beiden Marktgemeinden an das Schienennetz per Gesetz beschlossen wurde.
Diese Lokalbahn, die am 27. September 1900 in Betrieb ging, zweigte in der
Haltestelle Thann-Lengdorf – nun umbenannt in Thann-Matzbach
– von der Hauptbahn ab. Hierzu hatte sie nur die allernötigsten
Erweiterungen an den Gleisanlagen erhalten. Da diese innerhalb der
Streckenneigung von 1 : 200 lagen, war dort das
Rangieren verboten. Aus diesem Grund hatten die Kgl.Bay.Sts.B.
erwogen, die Stichstrecke in der Station Walpertskirchen an die Hauptbahn anzuschließen. Da sich
hierbei die Lokalbahn um ca. 3,75 km verlängert hätte ohne ein
"lohnendes" Gebiet zu erschließen, nahm man davon Abstand – was
sich aber keineswegs als kostengünstiger herausstellen sollte. Im Gegenteil: Für
den Übergang von Güterwagen der Lokalbahn auf die Hauptbahn und umgekehrt
mussten sog. „Rangirzüge“
nach Walpertskirchen eingerichtet werden, die jeden
Werktag zweimal, bis 18. März 1901 bei Bedarf dreimal, verkehrten. Im östlichen
Teil der Station Walpertskirchen war hierzu ein „Rangirgeleis“
(Aufstellgleis) erforderlich. Zehn Jahre später
war es überflüssig, nachdem die – die 1906/07 erheblich erweiterten
– Anlagen des Bahnhofs Thann-Matzbach mit
großem Aufwand mit einer verringerten Neigung von 1 : 400 neu trassiert worden
waren, um das Rangieren zu ermöglichen und dadurch die Güterverkehrsabwicklung
zu beschleunigen und ihre Kosten zu senken.
Erweiterung der Gleisanlagen durch die Deutsche Reichsbahn
Während die
verheerenden wirtschaftlichen Verhältnisse gegen Ende der Weimarer Republik
einen starken Rückgang insbesondere des Güterverkehrs mit sich brachten,
übertrafen die Transportleistungen der Eisenbahn während des Zweiten Weltkriegs
alle bisherigen Dimensionen. Als der Walpertskirchener
Bahnhofsvorstand Simon Faschinger für das Betriebsjahr 1932 nur noch 117 t im
Versand und 579 t im Empfang abgefertigte Wagenladungsgüter ermittelte, konnte
sich niemand vorstellen, dass acht Jahre später das Überholgleis für die
kriegsbedingt immer länger werdenden Güterzüge nicht mehr ausreichen würde.
1941 ließ die Deutsche Reichsbahn die Nutzlänge dieses Gleises von 524 m auf
660 m (für Züge Richtung Mühldorf) bzw. von 541 m auf 658 m (für Züge Richtung
München) erweitern. Die Verlängerung erfolgte im Wesentlichen am westlichen
Ende des Bahnhofs, wodurch die Unterführung im Zuge der Straße nach Erding für die Aufnahme von zwei Gleisen verbreitert werden
musste. Nach Abschluss dieser Umbaumaßnahme, die natürlich auch die Anpassung
der Signal- und Stellwerksanlagen erforderte, hatten die Anlagen des Bahnhofs Walpertskirchen ihre größte Ausdehnung erreicht.
Der Zugverkehr kam mit
dem Kriegsende zunächst völlig zum Erliegen. Als allmählich wieder Züge fuhren,
sorgten die Hamsterer für reges
Fahrgastaufkommen, an dem auch der Bahnhof Walpertskirchen
partizipierte: 1946 verkaufte er 31.850 Fahrkarten, 1948 wurde der Rekord mit
37.151 Stück erreicht; die meisten davon lösten die Reisenden allerdings gegen
wertlose Reichsmark. Rückläufig waren dagegen die ausgeladenen Wagenladungsgüter
(1946: 5.231 t, 1948: 2.555 t), der Versand stagnierte bei 518 bzw. 689 Tonnen.
Niedergang in der Ära der Deutschen Bundesbahn
Je mehr die
in den 1950er Jahren in gewaltigem Ausmaß einsetzende Motorisierung zunahm,
umso rapider ging das einst respektable Verkehrsaufkommen auf den Landbahnhöfen
zurück. Im Gegensatz zu dieser Entwicklung nahm jedoch die Bedeutung des
Bahnhofs Hörlkofen durch den Versand der Traktoren
aus dem 6 km entfernten Eicher-Werk Forstern
und den stetigen Zuzug immer mehr zu. Umso stiller wurde es um den Bahnhof Walpertskirchen. Zwar erreichte das Güterverkehrsaufkommen noch nennenswerte
Mengen, doch zunehmend blieben die Fahrgäste aus, wie die Tabelle zeigt:
|
Jahr |
Verkaufte Fahrkarten |
Wagenladungen im Versand |
Wagenladungen im Empfang |
|
1950 1956 1962 |
14.952 20.070 7.588 |
535 778 819 |
1.230 1.192 1.665 |
Nachdem am Bahnhof Walpertskirchen schon
seit Jahren keine Renovierungen mehr durchgeführt worden waren, verfügte die Bundesbahndirektion
München am 16. Mai 1966 seine Auflassung als Zugfolgestelle, womit er seine
betriebliche Funktion verlor und damit für Zugkreuzungen nicht mehr zur
Verfügung stand. Im Juli 1966 rückte die Abbaukolonne an und begann mit dem
Rückbau der Gleis- und Signalanlagen. Ab dem 1. August 1966 war die
Herabstufung zu einer unbesetzten Haltestelle wirksam. Auf örtliches Personal
konnte verzichtet werden, da weder Blocksignale noch Schranken zu bedienen
waren.
Kam das unbefugte Betreten des
Bahnsteigs und das Einsteigen in den Zug, ohne im Besitz einer gültigen
Fahrkarte zu sein, bislang nahezu einem Staatsverbrechen gleich, so war dies
jetzt ohne jegliche Einschränkung möglich, da die Tür der Bahnsteigsperre, nun
mit einem Drücker versehen, nach Belieben geöffnet werden konnte und die
Fahrkarten im Zug zu lösen waren. Der Wartesaal wurde geschlossen, seine
Funktion übernahm nun ein trister, fensterloser Raum in der Mitte des
Betriebshauptgebäudes, der im Krieg als Luftschutzraum gedient hatte - zu diesem
Zweck war er noch immer mit weißen Pfeilen gekennzeichnet. Verschlossen und
verwaist war nun auch der Dienstraum, und der Fahrkartenschalter hinter einer
eisernen Tür verriegelt. Während der Platz vor dem Betriebshauptgebäude, wo das
Überholungsgleis lag, eine notdürftige Kiesbefestigung erhielt, wucherte auf
der brachen Schottertrasse schon bald allerhand Gestrüpp. Nach 10 Jahren, in
denen die Walpertskirchener Bahngebäude zunehmend dem
Verfall preisgegeben waren, wurden sie abgebrochen. Wo sich das charakteristische,
das Ortsbild prägende Betriebshauptgebäude befand, wurde ein kleines
Wartehäuschen, eine Metallkonstruktion, aufgestellt. Mit dem Abbruchschutt
verfüllte man kurzerhand die Senke, die sich zwischen dem Bahndamm und der
östlichen Bahnhofsauffahrt befand; sie wurde früher als Garten genutzt.

In einem
heruntergekommenen Zustand, aber noch weitgehend so wie er 1871 erbaut wurde,
präsentierte sich der Bahnhof in Walpertskirchen nach
105 Jahren am 10. Januar 1976. Foto: Karl Bürger
Im November 1982 installierte die DB
im Wartehäuschen einen Fahrkartenautomaten, den sie jedoch nach vier Jahren
wieder abbauen ließ. Ebenso eine Episode blieb die Schüttgüterentladestelle
für das Raiffeisen-Lagerhaus, mit deren Bau im Juni 1983 begonnen wurde und die
nur 10 Jahre in Betrieb war. Zur Schaffung des hierzu notwendigen
Anschlussgleises erhielt der Stutzen der Schutzweiche des Ladegleises eine
geringfügige Verlängerung Richtung Westen.
1985 wurde das
Ladegleis, allerdings um 65 m verkürzt, vollständig erneuert und die Rampe
abgetragen – eine fragwürdige Maßnahme, denn acht Jahre später, am 23.
Mai 1993, wurde der Wagenladungstarifpunkt Walpertskirchen
geschlossen. Ein Jahr später, als mit Ablauf des Monats Mai die Kündigung des
Gleisanschlusses für das Raiffeisen-Lagerhaus wirksam wird, ist die
Betriebsstelle Walpertskirchen nur noch ein
Haltepunkt. Im November 1994 wurden die beiden Weichen des Ladegleises
entfernt, es liegt seither als Torso. Zunehmend sorgten Graffiti-Schmierereien
und mutwillige Zerstörungen am Wartehäuschen für Tristesse. Dennoch lebt der
Bahnhof Walpertskirchen in seinen alten Dimensionen
weiter – als 9 Meter langes, vom Verfasser gebautes maßstäbliches Modell,
das im neuen Trakt des Walpertskirchener
Schulgebäudes besichtigt werden kann.
Mit der Umwandlung des
Bahnhofs Walpertskirchen in eine unbesetzte
Haltestelle verschlechterte sich für die Fahrgäste auch das Zugangebot.
Lediglich die sechs an Werktagen Richtung München verkehrenden Züge blieben
unverändert, doch an Sonn- und Feiertagen konnten nur noch 4 statt 5 Züge nach
München benutzt werden. In der Gegenrichtung standen nun nur noch 8 Züge
montags – freitags, 6 an Samstagen und 5 an Sonn- und Feiertagen zur
Verfügung. In der vorangegangenen Fahrplanperiode hielt in dieser Relation an
diesen Verkehrstagen jeweils ein Zug mehr.
Mitte der 1980er Jahre
kam es zu weiteren, erheblichen Verschlechterungen des ohnehin spärlichen
Zugangebots. Mit Inkrafttreten des so propagierten
„Jahrhundertfahrplans“, mit dem am 2. Juni 1991 die DB mit dem ICE
an den Start ging, hatte die seit Jahren vernachlässigte Bedienung der Walpertskirchener Haltestelle ihren traurigen Rekord
erreicht.
Die positive Entwicklung des Haltepunkts bei der Deutschen
Bahn AG
Angesichts des immer schlechter werdenden Zugangebots
gründete sich im Juli 1989 der PRO BAHN Arbeitskreis Walpertskirchen,
um der infolge der Ausdünnung drohenden Gefahr der Schließung des Haltepunkts
nicht mehr länger tatenlos zuzusehen. Der Arbeitskreis erstellte mehrere
umfassende Fahrplankonzepte und erreichte den Schulterschluss mit der Gemeinde.
Diese machte 1995 – im Gegensatz zu vielen anderen, die die Zeichen der
Zeit nicht erkannten oder verschliefen – unmissverständlich deutlich,
dass sie ihre Bahnstation auch für künftige Generationen erhalten will und
bereit ist, hierfür Leistungen zu erbringen. Gegenüber der DB AG verpflichtete
sie sich vertraglich, die Anlagen des Haltepunkts zu pflegen und instand zu
halten. Aus dem gleichen Grund übernahm der PRO BAHN Arbeitskreis im Juli 1997
die Patenschaft für den Haltepunkt, in deren Rahmen sich die
„Pro-Bahner“ seither ehrenamtlich im Auftrag der Gemeinde um die
Bahnanlagen kümmern, angefangen von der Aktualisierung des Inhalts der
Aushangvitrinen bis hin zum Mähen und der gärtnerischen Pflege der Grünflächen,
die der Arbeitskreis mit fünf Blumenrabatten sehr ansprechend gestaltet hat.
Die Einfassungen der Rabatten wurden „stilecht“ aus Altschwellen
hergestellt.

Die Blumen am Haltepunkt haben wieder Saison. Kurz vor dem Halt in Walpertskirchen passiert RB 27060 Mühldorf – München
Hbf am 4. September 2004 die Rabatten.
Foto: Karl Bürger
Den Jahr für Jahr unterbreiteten Vorschlägen des PRO
BAHN Arbeitskreises zur Verbesserung des Zugangebots war am 15. Dezember 2002
durchschlagender Erfolg beschieden. Dieses Datum gilt in Walpertskirchen
als Zäsur, die der Gemeinde die tägliche Bedienung im 2-Stunden-Takt und damit
ein nie da gewesenes Zugangebot brachte. Als Handicap erwies sich allerdings
der 210 m lange, für Züge mit neun Doppelstockwagen zu kurze Bahnsteig. Auf
Vorschlag des PRO BAHN Arbeitskreises entschloss sich deshalb die Gemeinde, den
Bahnsteig auf eigene Kosten um 38 m zu verlängern. Nach vielen Abstimmungen mit
der DB Netz AG, die ein Jahr in Anspruch nahmen, konnten die Bauarbeiten im
November 2003 abgeschlossen werden. Sie wurden von Arbeitern des
Gemeindebauhofs und unentgeltlicher Helfer ausgeführt, wodurch sich die Kosten
auf rd. 15.000 € (einschließlich einer vorgeschriebenen zusätzlichen
Bahnsteigleuchte) begrenzen ließen.
Wie der aktuelle
Ortsplan von Walpertskirchen zeigt, haben sich die
seit den 1950er Jahren entstandenen Siedlungen stetig rund um die Bahnstation
entwickelt. Dass sie trotz allen Stilllegungswellen noch immer nicht nur
existiert, sondern auch mit einem guten Zugangebot bedient und entsprechend
genutzt wird, verdankt sie der erheblichen Zunahme der Einwohnerzahl und der
Ortsentwicklung hin zur Bahn – und nicht zuletzt dem PRO BAHN
Arbeitskreis Walpertskirchen.

Heute ist der Bahnhaltepunkt Walpertskirchen
von allen Siedlungen in wenigen Minuten fußläufig erreichbar.
Quelle: Ortsplan der Gemeinde Walpertskirchen, Hrsg.:
Verwaltungsgemeinschaft Hörlkofen, 2009
Streckenausbau, S-Bahn-Ringschluss und Walpertskirchener Spange
Seit seiner Aufnahme in den Bundesverkehrswegeplan
1985 ist der zweigleisige Ausbau und die
Elektrifizierung der Strecke München – Mühldorf – Freilassing geplant. Außerdem soll ein eingleisiger Abzweig
zum Flughafen geschaffen werden – die sog. „Walpertskirchener
Spange“. Der Fernbahnausbau soll den Zügen, die gegenwärtig mit maximal
140 km/h fahren, eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h ermöglichen.
Der Streckenausbau wird von der Industrie im
„bayerischen Chemiedreieck“ (Standorte Burghausen, Gendorf, Garching/Alz) seit
langem angemahnt, schließlich verschickt sie per Bahn pro Jahr rd. 2,3 Mio. t
Güter, was rd. 1 % des jährlichen Güteraufkommens in der Bundesrepublik oder
300 Wagen täglich entspricht. Unverhohlen haben die Chemiemanager der
Bayerischen Staatsregierung schon mit Absiedelung gedroht, sollte es beim
jetzigen Zustand mit seinen Kapazitätsengpässen bleiben. Die neuesten Planungen
sehen nach gegenwärtiger Kassenlage lediglich drei zweigleisige
„Begegnungsabschnitte“ Markt Schwaben – Hörlkofen,
Thann-Matzbach – Dorfen
und Ampfing – Mühldorf vor; letzterer wurde 2009 in Angriff genommen.
Dass der Münchener Flughafen „am besten aus der
Luft“ zu erreichen sei, spotten die Kritiker seit seiner Eröffnung 1992
– nicht ganz zu Unrecht, denn zur Schienenanbindung wurde zunächst
lediglich die einstige Lokalbahn („der Krautexpress“) München Ost
– Ismaning (seit 30. September 1973 Ostast der
S 3) zum Airport verlängert und in S 8 umgetauft. Zwar brachte die Flügelung
des Nordasts der S 1 nach Inbetriebnahme der
„Neufahrner Spange“ am 29. November 1998 eine Verbesserung, aber
die Forderung nach einer Fernbahnanbindung blieb unerfüllt. Eine erhebliche
Leistungssteigerung der S-Bahn-Anbindung wird vom „Ringschluss“,
der Neubaustrecke vom Bahnhof München Flughafen Terminal nach Erding, erwartet. Hierzu existieren auf dem Papier drei
Trassenvarianten, eine davon ist raumgeordnet. Und um Fern- und Regionalzüge
zum Flughafen leiten zu können, ist in Richtung Norden eine weitere
Verbindungskurve zur Hauptbahn München – Landshut sowie Richtung Osten
die sog. „Walpertskirchener Spange“ zur Mühldorfer Strecke beabsichtigt. Für letztere, die bereits
seit 1989 in der Diskussion ist, existieren nicht weniger als sieben
Planungsvarianten, wovon für eine das Raumordnungsverfahren abgeschlossen ist.
Immer wieder verlautet aus dem Wirtschafts- und
Verkehrsministerium zu München, der Hauptbahnausbau, der Ringschluss und die Walpertskirchener Spange würden realisiert, sobald die die
Mittel aus Berlin flössen und es bei den raumgeordneten Trassen bliebe. Diese
sehen die Verlegung des innenstadtnahen Bahnhofs Erding
in die Nähe des Fliegerhorsts vor. Dort soll die Walpertskirchener
Spange mit dem „Ringschluss“ kreuzungsfrei in einem Bahnhof mit
zwei Etagen verbunden werden. Der bisherige würde dann aufgegeben, obwohl er
2002 modernisiert und sehr aufwändig mit einem großzügigen Busterminal
ausgestattet wurde. Den Abzweigpunkt an der Mühldorfer
Strecke sieht die raumgeordnete Trasse entgegen ihrem Namen auf halber Strecke
zwischen Walpertskirchen und Thann-Matzbach
beim Kilometerpunkt 35 bei Schwarzhölzl vor. In der
Gemeinde Lengdorf war man sich schon sicher, dass
durch die Flughafenspange Thann-Matzbach wieder zum
Abzweigbahnhof avanciert. Ob und wann es so kommt, ist zwar fraglich, doch
wurde dort schon mal die Park & Ride-Anlage fertiggestellt, die nun 146 Stellplätze umfasst, wovon an
Werktagen etwa 20 belegt sind. Fest steht allerdings, dass Walpertskirchen
und das Erdinger Umland in Sachen Eisenbahn vor umwälzenden Veränderungen steht.
Literatur
Veröffentlichungen
des Verfassers zum Thema (Primärquellen s. dort):
Die Eisenbahn in Walpertskirchen. Oder: Im Schatten von Hörlkofen,
erster Akt
in: Chronik der Gemeinde Walpertskirchen, Eigenverlag
1999, S. 553 – 588
Walpertskirchen
in: Archiv der deutschen Bahnhöfe, 33. Ergänzungsausgabe, Hrsg. Erich Preuß im Verlag GeraNova, München 2001
Dorfen
Bahnhof
in: Archiv der deutschen Bahnhöfe, 35. Ergänzungsausgabe, Hrsg. Erich Preuß im Verlag GeraNova, München 2002
Thann-Matzbach
in: Archiv der deutschen Bahnhöfe, 40. Ergänzungsausgabe, Hrsg. Erich Preuß im Verlag GeraNova, München 2002
Hörlkofen
in: Archiv der deutschen Bahnhöfe, 45. Ergänzungsausgabe, Hrsg. Erich Preuß im Verlag GeraNova, München 2003
Haag (Oberbay)
in: Archiv der deutschen Bahnhöfe, 49. Ergänzungsausgabe, Hrsg. Erich Preuß im Verlag GeraNova, München 2004
Walpertskirchen,
Oberbayern: Ein Modellfall? Bürgersinn kann viel erreichen – wenn die DB
mitmacht
in: Der Fahrgast, PRO BAHN Zeitung 2/02, Heft Mai – Juli 2002, S. 45
– 46
Die Eisenbahn auf dem
Dorf – neben Großstadt und Großflughafen.
Drei Nachbarbahnhöfe in Bayern mit bewegter Geschichte und umwälzender Zukunft
in: Jahrbuch für Eisenbahngeschichte Nr. 39, 2007/2008, 1. Aufl., Verlag DGEG
Medien, Hövelhof 2007, S. 39 – 58
Nur ein Provisorium.
Die Eisenbahn- und Postgeschichte des oberbayerischen Hörlkofen
in: Das Archiv. Magazin für Post- und Telekommunikationsgeschichte. Deutsche
Gesellschaft für Post- und Telekommunikationsgeschichte e.V. (Hrsg.), Frankfurt
am Main, Heft 2/2007, S. 85 – 89
Nach- und Abdruck sowie
Weiterverarbeitung der Bilder und der Texte, auch auszugsweise, nur mit
vorheriger schriftlicher Genehmigung des Verfassers.